Gebet der Seele

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„Aufmerksamkeit ist das Natürliche Gebet der Seele“

(Malebranche)

Walter Benjamin schrieb in seinem 1934 verfassten Essay zum zehnten Todestag von Franz Kafka

„Wenn Kafka nicht gebetet hat – was wir nicht wissen
– so war ihm doch aufs höchste eigen, was Malebranche »das
natürliche Gebet der Seele« nennt – die Aufmerksamkeit. Und in
sie hat er, wie die Heiligen in ihre Gebete, alle Kreatur eingeschlossen.“

1960 hat sich dann Paul Celan in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner Preises auf diesen Essay bezogen:

„Die Aufmerksamkeit, die das Gedicht allem ihm Begegnenden zu widmen versucht, sein schärferer Sinn für das Detail, für Umriß, für Struktur, für Farbe, aber auch für die »Zuckungen« und die »Andeutungen«, das alles ist, glaube ich, keine Errungenschaft des mit den täglich perfekteren Apparaten wetteifernden (oder miteifernden) Auges, es ist vielmehr eine aller unserer Daten eingedenk bleibende Konzentration.

»Aufmerksamkeit« – erlauben Sie mir hier, nach dem Kafka-Essay Walter Benjamins, ein Wort von Malebranche zu zitieren –, »Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele«.

Das Gedicht wird – unter welchen Bedingungen! – zum Gedicht eines – immer noch – Wahrnehmenden, dem Erscheinenden Zugewandten, dieses Erscheinende Befragenden und Ansprechenden; es wird Gespräch – oft ist es verzweifeltes Gespräch.“

Das Zitat von Malebranche ist auch  der Titel eines Buches von Regina Bäumer und Michael Plattig in dem sie sich mit dem personenzentrierten Ansatz von Carl Rogers und der geistlichen Begleitung der Wüstenväter auseinandersetzen. Im Literaturverzeichnis findet sich auch der Hinweis auf zwei Stellen seines Hauptwerkes „Von der Erforschung der Wahrheit“ zum möglichen Ausgangspunkt des Zitates.

Google Translate übersetzt diese französischen Originaltexte von Malebranche folgendermaßen:

„Die Methode, die ich gegeben habe, scheint mir für diejenigen von großem Nutzen zu sein, die ihre Vernunft nutzen oder von Gott die Antworten erhalten wollen, die er gibt all jenen, die gut nachfragen, denn ich glaube, dass ich die hauptsächlichen Dinge gesagt habe, die die Aufmerksamkeit des Geistes stärken und lenken können, was das natürliche Gebet ist, das man dem wahren Meister aller Menschen gibt, um eine Unterweisung zu erhalten“ (Malebranche N. de, Auf der Suche nach der Wahrheit, Schluss der Bücher IV-VI, 453.)

„Der Mann nimmt an der souveränen Vernunft teil & es ist vereint, und die Wahrheit wird ihm im Verhältnis dazu entdeckt er wendet sich an sie, und er betet zu ihr. Jetzt ist das Verlangen der Seele ein natürliches Gebet, das immer beantwortet wird; denn es ist ein Naturgesetz, daß die Ideen um so mehr im Geiste vorhanden sind, die der Wille mit mehr Eifer begehrt. … Als ich also sagte, dass der Wille dem Verstand befiehlt, ihm ein bestimmtes Objekt zu präsentieren, habe ich nur vorgetäuscht zu sagen, dass die Seele, die dieses Objekt mit Aufmerksamkeit betrachten will, sich ihr durch Aufmerksamkeit nähert oder sein Wunsch; denn dieses Verlangen als Folge des wirksamen Willens Gottes, die die unantastbaren Naturgesetze sind, ist die Ursache für die Präsenz und Klarheit der Idee, die dieses Objekt repräsentiert. „(Malebranche N. de, Auf der Suche nach der Wahrheit, Erklärungen, 39f.)

In einer englischen Ausgabe findet man diese zwei Stellen über Google Books

update 17.12.2019

Gerald Krieghofer vom Blog „Zitatforschung“ ist dem ganzen mal genauer nachgegangen. Die Ergebnisse findest du hier.

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